X
| | Lesegeschichten

Eine Hommage an die Hausfrau

Ganz nah dran am Geschehen: Manchmal ist Liegen besser als Bücken. Foto: Uli Rentzsch

Der Extra-Tipp bewegt sich. In diesem Teil unserer Serie kann man es treffender nicht ausdrücken. Anders als bei den Berichten der Kollegen sprang in diesem Fall sogar ein kompletter Muskelkater in allen Ecken des geschlauchten Körpers heraus.

 

Nettetal. Nein, ich erwarte kein Mitleid. Denn ich habe es mit Vorsatz geplant. Das Ziel: zumindest Küche und Bad putzen. Zeitvorgabe fünf Stunden. Insgeheim hatte ich gehofft, dass ich viel schneller durchkommen würde. Ich konnte nicht ahnen, dass das Gegenteil von „eben mal durchwischen“ Realität werden würde.

Doch zunächst eine Kanne Kaffee aufsetzen. Dann die Musik auswählen. Während das Wasser heiß wird, entscheide ich mich für „Yes: Tales from Topographic Oceans“. Da der Mann an sich mehrere Dinge gleichzeitig planen, dann in sinnvoller Reihenfolge ausführen kann, sortiere ich die Putzmittel, Schwämme, Bürsten und Handtücher.

Zuerst saugen. Sonst schleppt man ja jeden Krümel durch die Wohnung. Dann die Schrankfronten in der Küche. Gott sei Dank hatte ich mich vor Jahren für weiße Fronten entschieden, man sieht sofort, welche Stellen besondere Pflege benötigen. Ein Blick in die Schränke löst noch mehr Schwung aus. Wenn man schon einmal dabei ist... Also, alle Teller, Töpfe und Tasse auf den Esstisch. Heijeijeijei, wie der Schwamm so fliegt – die wahre Pracht. Nun die Unterschränke, dann die Bodensockelleisten. Währenddessen rotiert die Waschmaschine. Jetzt der Kühlschrank, dann die Arbeitsflächen. Plötzlich höre ich die Musik nicht mehr. Was? Schon über eine Stunde vorbei? Na, das ging ja flott.

Und der Esstisch voller Geschirr, der Staubsauger mitten im Raum gleich neben dem Kleiderständer, das Wischwasser längst nicht mehr heiß. Und wo ist die Bürste? Und der Kaffee ist kalt. Überhaupt nicht angerührt. Putzen in Trance.

Gerade in diesem Moment fällt mir ein, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. „Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes starben 2010 7.533 Menschen durch Unfälle im Haushalt, im Straßenverkehr gab es 3.648 Tote“, schrieb die tz aus München. Am häufigsten wird gestürzt. Auf den Knien robbe ich über den Boden, heute will ich pingeliger sein als akribisch, heute gebe ich mich dem Putzfimmel hin. Nach knapp vier Stunden kann ich mir selbst melden: „Sire, Küche ist fertig.“

Ich bin immer noch bester Laune. Erstaunlich. Jetzt das Bad. Und weil ich mich an diesem Tag nicht bremsen kann, nehme ich mir noch Balkonfenster und Wohnzimmer vor. Inzwischen läuft „Carlene Carter: Little Love Letters“. Country. Stimmung. Ich rücke Möbel, wische, sauge, drehe, wende.

Nach sieben Stunden habe ich dann doch die Faxen dicke. Ich räume alles zurück ins Regal, springe unter die Dusche. Und dann merke ich es schon: Rücken. Das kann ja ein lustiger Abend beim Essen mit den Freunden werden.

Nach einer eher unruhigen Nacht kann ich mich am nächsten Morgen kaum bewegen. Muskelkater. Von oben bis unten, einfach überall. Von dem bisschen Putzen. Wo ist der Franzbranntwein? Ich spiele das Spiel „Bewegungslos im Bette“. Zwei Stunden später robbe ich wieder über den Boden, diesmal mit schmerzenden Grimassen. Bis in die Küche, zum Arzneischränkchen. Und was sehe ich da auf dem Küchenboden? Sind das etwa Brotkrümel?

Info:
Auch 2013 verunglückten 8.675 Menschen nach Unfällen im Hausbereich tödlich. Das sind knapp 40 Prozent aller tödlichen Unfälle.

Dieser Artikel erschien im Extra-Tipp am 2. August 2015.


Kommentare