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Die Karin ist aber eine

Viel hatte er über die Moderatorin Karin Wingersiel nicht herausfinden können. Sie war Anfang 30, hatte große Augen und langes, braunes Haar. Ihm war aufgefallen, dass ihr linkes Haar immer nach hinten über die Schulter gekämmt war, das rechte Haar aber vorne über ihre Brust fiel. Immer.

 

Er nahm sich vor, sie danach zu fragen. Vielleicht genau dann, wenn sie eine Frage gestellt hatte, die ihn in ein wenig Bedrängnis bringen sollte. Er würde so tun, als denke er nach, sie dann anschauen und plötzlich aufschrecken, so, als wäre er weit weg gewesen. „Sagen Sie, warum sind Ihre Haare eigentlich genau so gekämmt, wie sie gekämmt sind?“

Er lächelte. Das würde ihm gelingen. Ihm war auch aufgefallen, dass sie ihre Gäste unterschiedlich behandelte. Mal nett, mal forsch, mal ein bisschen böse, mal aufbauend, mal mitleidig. Er hatte nicht beobachtet, dass sie ihre Taktik während einer Show geändert hatte. Einmal nett, immer nett. Wie würde es ihm gleich ergehen?

Er sah Karin Wingersiel aus ihrer Garderobe kommen. Sie lächelte ihn an, sie gab ihm die Hand. War das ein leichter Knicks, fragte er sich. Sie schob ihn nach vorn in Richtung Aufnahmeraum und legte dabei ihre rechte Hand auf seine linke Schulter. Ganz flach und sanft. Was sollte das denn? Sind wir schon so dicke miteinander? Er ging ein bisschen schneller, als wollte er die Hand auf seiner Schulter hinter sich lassen, aber es gelang ihm nicht.

Karin machte noch keine Anstalten, ihn freizugeben. Stattdessen lenkte sie ihn zu dem Sessel, der direkt neben ihrem Platz stand. Das ist wohl so in Ordnung, dachte er, alles andere wäre ja auch Blödsinn. Das plötzlich helle Licht schoss ihm in die Augen.


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