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Vorbei an der täglichen Schönheit?

Was hören, was sehen, was fühlen wir? Foto: Timo Klostermeier/ pixelio.de

Der Zufall half mit, als ich jetzt auf einen Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 13. Dezember 2008 stieß. Damals wurde von einem Straßenmusiker berichtet, der sich früh am Morgen des 12. Januar 2007 in eine Metrostation in Washington gestellt und Geige gespielt hatte.

 

Ziemlich genau 43 Minuten lang. 32,17 Dollar waren in dieser Zeit in seinem Säckel gelandet. Jemand hatte mitgezählt: 1.097 Menschen waren an ihm vorbei geeilt, nur ganz wenige (exakt sieben/ nur eine Person hatte ihn erkannt) waren kurz stehen geblieben und hatten zugehört. Der Straßenmusiker spielte neben anderem auch die Chaconne in d-Moll von Johann Sebastian Bach. Und die streicht man gewiss nicht mal so eben früh am Morgen herunter. Dafür sollten die Finger doch ein wenig geschmeidig sein

Der Straßenmusiker hieß Joshua Bell und ist einer der angesehensten Violinisten der USA. Er hatte damals bei diesem Experiment mitgemacht, das sich die Washington Post ausgedacht hatte. Das „Inkognito-Konzert“ wurde mit einer Kamera aufgezeichnet. Also: Super-Violinist, komplexes und technisches schwieriges Repertoire, und das auf einer Geige im Wert von mehreren Millionen Dollar.

Können wir Schönheit also nur in einem für die Schönheit entworfenen Umfeld erkennen (Sie kennen vielleicht die Preise für das Konzerthaus)? Huschen wir stattdessen an der täglichen Schönheit, ganz gleich, in welcher Form auch immer, ganz locker vorbei? Erkennen wir Talent in einem ungewohnten Umfeld? Und: Was haben wir möglicherweise schon verpasst?

Bald ist Weihnachten. Dann wird es hier und dort ähnliche Geschichten zu lesen geben, die zumindest kurz inne halten lassen. Die Joshua-Bell-Inkognito-Metro-Straßenmusiker-Experiment-Geschichte fand ich als Auftakt - wie in jedem Jahr - recht originell.

Der Journalist Gene Weingarten erhielt für seinen Artikel, in dem er dieses Experiment beschrieben und kommentiert hat, übrigens 2008 den Pulitzer-Preis für Fachjournalismus.


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