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Kommen Sie bitte nach dem Schlussakkord

So ganz allein. Foto: Karl-Heinz Liebisch/ pixelio.de

Wie schnell sich die Bedeutung eines Begriffs wandeln kann, zeigt das Beispiel „Nerd“. Noch vor kurzem wähnte man hinter diesem Wort noch den Fachidioten, den völlig enterdeten Computerspezialisten.

Ein Beitrag in der Rubrik: "Von Höcksken auf Stöcksken".

 

Heute scheint „Nerd“ (man spricht es wohl „nörd“ aus) schon ein Lob zu sein. Der weiß was, Mannomann, der Nerd, toll, toll. Ein ganz speziell spezialisierter Spezialist eben

Es braucht offensichtlich doch eine große Portion Besessenheit, wenn man weiter kommen will in dieser Welt. Mauerblümchen, auch wenn sie noch so hübsch sind, waren noch nie stylish, geschweige denn Trend. Überzeugt zu sein, ein realistisch formuliertes Ziel zu erreichen, ist eine Gabe, Visionen zur Realität zu formen, ist Kunst. Leider gibt es Scheuklappen.

Viel zu spät erkennt man, dass der selbst gewählte Weg eine Sackgasse ist, weil es so schwer fiel, nach links oder rechts zu schauen. Und schon steckt der Karren im Sand. Beim Ausparken hilft auch kein Nerd. Aber wer will sich schon permanent um 360 Grad, also im Kreis, drehen? Wieder mal kommt man nicht von der Stelle.

Aber so ist unser Gesundheitssystem eben. Alle verdienen zu wenig Geld, alle arbeiten zu viel. Allen wird zu viel vorgeschrieben, alles ist reglementiert, alle Patienten warten zu lange, nur die Klienten kommen sofort dran. Dabei wird das System so genutzt, dass immer ein Irgendjemand goldene Nasen sammeln kann. Die Behandlung eines Bruch des Nasenbeins dauert eine gewisse Zeit – und die ist eben festgeschrieben. Die Behandlungsdauer steht im Mittelpunkt, nicht der kranke, verletzte Mensch. Krankheit ist Geschäft, Gesundheit auch. Egal, was wir sind, wir sind Geschäft. Ein Nerd steht nicht am Herd. Wenn er nicht völlig fokussiert ist auf das speziell Speziellste, scheffelt er lieber Geld. Andere dürfen sich gerne mal hinten anstellen.

Gönnen Sie sich wenigstens jetzt ein wenig Ruhe. Nutzen Sie die Zeit im Wartezimmer und hören Sie Richard Wagner. Der Ring der Nibelungen. Da kommen locker vier Stunden zusammen. Vielleicht werden Sie gleich nach dem Schlussakkord durchgerufen.


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