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Die doppelte
Täuschung

Winter oder Sommer? Foto: pixelio.de

Als ich aufwachte, wusste ich sofort: Ich hatte verschlafen. Ich sah aus dem Fenster, und meine Laune wurde mit einem Schlag richtig gut. Tiefblauer Himmel, hier und da und weißes Wölkchen. Wunderschön.

 

Hatte ich Winter und Frühling verschlafen? Was ich sah, bedeutete Sommer, Mittagshitze, Sonnenschirm und abends Fisch auf dem Grill. Doch auf den Dächern gegenüber fror der Frost fest. Also doch nur eine Täuschung. Denn tiefster Winter hatte sich über Land eingerichtet. Was blieb, war das Ungemach, zu spät zum verabredeten Termin zu kommen. Immer mit der Ruhe, auch 2017, dachte ich mir und setzte das Teewasser auf. Sekunden später fiel die Entscheidung auf Ingwer-Zitrone. Die kurze, einstudierte Dusche raubte den letzten Schlaf aus meinen Gliedern. Jetzt war ich wach und entschloss mich, bei der nächsten Wahl grün anzukreuzen. Ich sprach mir Mut zu: Kannst du ruhig mal machen. Einige Momente später – ich hatte das Radio eingeschaltet – hörte ich, dass die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, sich mächtig aufgeregt hatte über das konsequente Verhalten der Kölner Polizei in der Silvesternacht. Die hatte sich nach den schlimmen Vorfällen aus dem Vorjahr vermehrt um die Menschen gekümmert, die aus dem nordafrikanischen Raum stammen könnten. Diskriminierend sei das gewesen, Menschen alleine nach ihrem Aussehen zu kontrollieren.

Ich setzte mich verwundert an den Esstisch und trank meinen Tee. Das muss doch eine Täuschung sein, dachte ich. Was mag Frau Peter geritten haben, solche Vorwürfe öffentlich werden zu lassen? Hatte sie tatsächlich auf Zustimmung der Menschen gehofft? Offensichtlich hatte Frau Peter die Rolle der Polizei in unserem Land nicht richtig verstanden. Oder sie definiert den Begriff „politische Korrektheit“ auf eine völlig unterkühlte, aalglatte, klinisch saubere, weltfremde Art und Weise. Na gut, dachte ich mir, wähle ich eben nicht grün

Es verging wenig Zeit, da ruderte Simone Peter schon wieder zurück. War wohl doch nicht so gemeint. Dass sich die Übergriffe des letzten Jahres nicht wiederholten, sei auch der gut vorbereiteten Polizei zu verdanken, schrieb sie auf ihrer Facebook-Seite. Jetzt wähle ich grün erst recht nicht, beschloss ich. Nicht nur wegen des Hühs und wegen des Hotts. So wankelmütig wünsche ich mir eben die Politik nicht. Weitblickend, bedacht und nachhaltig sollte Politik sein. Nicht eben mal dahingehuscht, verdreht oder nach Wählerstimmen geifernd.
Inzwischen waren längst graue Wolken über die Dächer gezogen. Der Reif war in den Regenrinnen zerronnen. Ein kalter Wind zog um die Häuser.


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