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Mit dem ÖPNV Seite an Seite

Heimat - am Wochenende heißt die Alternative Radfahren. Foto: Andreas Hermsdorf/pixelio.de

Das erste Resümee fällt mager aus, sehr mager. Fünf Tage war ich mit dem Öffentlichen Personennahverkehr unterwegs, an drei Tagen notierte ich erhebliche Verspätungen. Doch ich spüre noch genug Kraft, die dreimonatige Probephase der Kombi Auto/ Rad/ ÖPNV durchzustehen.

Der Text erschien im Extra-Tipp Viersen am 18. November 2018.

 

Ich wollte nicht nur reden, sondern handeln, in diesem Fall: schnuppern. Drei Monate lang teste ich ein Verbundticket: Freie Fahrt in der 1. Klasse im gesamten VRR-Gebiet (ausgenommen ICE- ind IC-Züge), Fahrradmitnahme, am Wochenende, feiertags und werktags nach 19 Uhr darf ich eine weitere Person und bis zu drei Kinder mitnehmen. Hört sich doch gut an.

Auch die Voraussetzungen für mich persönlich sind prima: Bus-Haltestellen gleich vor der Tür und am Arbeitsplatz, Umsteigen nicht nötig. Fahre ich mit dem Rad, brauche ich natürlich keinen ÖPNV. Falls es nieselt oder stürmt, kann ich mit der Bahn fahren. Ein kurzer Weg mit dem Rad, dann hinein in die Bahn und zack: bei der Arbeit. Muss ich raus zu einem Termin, nutze ich das Auto. Die viel zu lange Taktung von Bus und Bahn lassen keine andere Möglichkeit.

Am ersten Tag fährt der Bus pünktlich. Läuft! Bei der Rückfahrt leider nicht. Ganze 31 Minuten kommt der Bus zu spät. Kann mal passieren, denke ich. Als ich am nächsten Tag das gleiche Malheur erlebe – wieder über eine halbe Stunde Verspätung bei der Rückfahrt – rufe ich in Münster bei der BVR Busverkehr Rheinland GmbH an. Die Pressesprecherin recherchiert und bestätigt die Verspätungen: „Der Fahrer hing bei der Anfahrt seiner Tour auf der Autobahn im Stau fest.“ An beiden Tagen? Ja, Zufälle könne man halt nicht planen, erklärt sie sinngemäß.

Die Tage drei und fünf laufen wie geschmiert: Bahn hin und zurück pünktlich.

Dass ich auf einem Weg zum Termin in Kaldenkirchen keinen Sitzplatz finde, an dem ich mein Rad im Blick habe, stört nicht. Es sind doch nur vier Stationen. Und: Der Zugbegleiter ist nett – und witzig. Eine schöne Erfahrung.
Am vierten Tag bin ich privat unterwegs. Erst nach Krefeld, dann nach Düsseldorf. Das Auto bleibt in Boisheim. Auch hier ist die Hinfahrt kein Problem. Und zurück? Eine Katastrophe!

Am Düsseldorfer Hauptbahnhof lese ich, dass der gewählte Zug RE13 Düsseldorf-Venlo erst mit 45, dann mit 55 Minuten Verspätung angekündigt wird. Die darauffolgende Verbindung wird ganz gestrichen.

Bei der Suche nach einer komfortableren, alternativen Verbindung (könnte doch sein, oder?) lese ich – eher zufällig – dass mein verspäteter Zug nur bis Mönchengladbach rollt. Kein Halt in Boisheim. Die durchaus nette Dame bei der Auskunft spricht von einem Güterzug, der entgleist ist. Deshalb kann auch der RE13 nicht mehr fahren.

Also mit dem RE10 nach Krefeld, dann Straßenbahn, dann Bus nach Nettetal. Jetzt noch das Auto in Boisheim holen. Ich notiere: zweieinhalb Stunden später als geplant zu Hause, und: eine andere Verbindung war nicht möglich, weil am frühen Samstagabend die Busse auf dem Land nur noch alle zwei Stunden unterwegs sind.

Mein Notizbuch werde ich weiterhin dabei haben. Wir werden berichten.

Wissenschaftler Harald Lesch fordert uns in seinem Buch „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ auf: „Fahren Sie Bus und Bahn und fordern Sie bessere Nahverkehrsverbindungen. Sprechen Sie mit Bürgermeister, Volksvertreter und Nachbar.“ Seine Forderung nach einem unverzüglichen Umdenken zum Thema Klimawandel untermauert er fast schon überspitzt: „Wer seine Kinder in SUVs zur Schule fährt, sollte ihnen mit ernstem Blick in den Rückspiegel erklären, dass ihnen nur rund 20 bis 30 Jahre auf diesem Planeten bleiben, weil Mama und Papa doch so gerne SUV fahren.“


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