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Mit dem Rad rauf, mit dem Schiff runter

Die „Goethe“ brachte uns wieder zurück nach Rhens. Noch entspannender kann eine Reise kaum sein. Foto: Uli Rentzsch

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Als wir auf unserer Tagestour am Loreley-Felsen vorbeiradeln, kommt uns das Gedicht von Heinrich Heine in den Sinn. 

 

Nettetal. Na gut, ein wenig traurig waren wir schon: Aber nur, weil der Tourismus hier ein wenig „overdressed“ erscheint. Aber sonst? Von Rhens mit dem Rad linksrheinisch bis nach Bacharach und mit dem Schiff wieder zurück: Einfach grandios.

Die Anfahrt in das kleine Städtchen Rhens ein paar Kilometer südlich von Koblenz gelingt ohne Probleme. Gleich neben der Schiffanlegestelle finden wir einen kostenlosen Parkplatz und laden die Räder ab. Einige Sekunden später machen wir die ersten Meter auf dem Rheinradweg. Linksrheinisch geht es direkt am Strom den Rhein hinauf. Obwohl „hinauf“: Nennenswerte Steigungen entfallen auf der gesamten Strecke wegen Abwesenheit. Das Ziel ist Bacharach, knappe 45 Kilometer entfernt. Mit dem Schiff möchten von dort wieder zurück nach Rhens und sind somit an eine Zeit gebunden. 17.15 Uhr legt die „Goethe“ in Bacharach ab. Verpassen wir den Schaufelraddampfer, bleibt nur zurückzuradeln – oder der Zug.

Aber deswegen in Hektik verfallen? Auf keinen Fall. Die Ortschaften und Städte, die wir durchfahren sind – man kann es nicht anders sagen: liebreizend. Und kosten ein bisschen Zeit. Die Kulisse des Rheins macht das Schleifchen drumherum. Schließlich heißt der Fluss an dieser Stelle „romantischer Rhein“ und schlängelt sich durch die teilweise schroffen Felsen des oberen Mittelrheintals.

In Boppard findet gerade zwischen Kirche und Markt eine große Oldtimershow statt. Live-Musik, Sonnenschein, ein alter Borgwardt ganz in blau, ein Dodge, ein Käfer, ein Ford Taunus und und und. Alles glänzt – genau wie Boppard. 

Wer glaubte, diese Rheinstädtchen seien nur die seniorengerechte Unterbringung für amerikanische Touristen, der ist vor allem in Bacharach völlig auf dem Holzweg. Foto: Uli Rentzsch

Zunächst hatten wir befürchtet, dass wir lange Strecken hintereinanderfahren müssen. Aber denkste. Zwischen den Ortschaften sind die Fahrradwege breit und meist deutlich getrennt von Landstraße und den Bahnschienen. Aber es ist viel los an diesem Samstag. Fahrradgegenverkehr, das geht in Ordnung. Zurecht kommen muss man mit dem Straßen- und Schienenverkehr. Man hört ihn. Dafür entschädigt das blau-grünlich glitzendes Wasser des Rheins. Gucken wir eben nach links. Einfach wunderschön.

Wir wollen gar nicht mehr runter vom Schiff.

Herrlich anzuschauen sind auch die Burgen und Schlösser. Alle aufzählen? Nein. Aber die Marksburg bei Braubach ragt schon eindrucksvoll gen Himmel, einen Hauch von Witz haben die Burgen Katz und Maus in der Höhe von St. Goarshausen. Und natürlich Burg Rheinfels. Jetzt kommen wir doch ins Schwärmen. Zeit für den jeweiligen Aufstieg haben wir nicht. Dafür ist die Zeit zu knapp. Und denken im Hinterkopf doch an 17.15 Uhr. Deshalb können wir uns auch nicht um den Vier-Seen-Blick bei Boppard kümmern. Wegen der enormen Rheinschleife an dieser Stelle erscheint der Fluss von einem bestimmten Blickwinkel wie vier Seen. Ein anderes Mal.

Jetzt geht’s weiter nach St. Goar. Den Loreley-Felsen wollen wir sehen. Und freuen uns, dass die Touristen aus Nebraska/USA auch ihren Spaß an dem Felsen, an dem Riesling oder am Sahneeis (natürlich aus eigener Herstellung) haben. Deren Bus fährt bald weiter, wir nehmen die letzte Etappe nach Bacharach. Zuerst kaufen wir dort die Schiffskarten, dann haben wir noch Zeit für die Innenstadt. Für einen Moment tauchen wir ein in eine Art Märchenwelt. So muss es vor 500 Jahren auch ausgesehen haben. „Das „Alte Haus“ im Ortskern ganz bestimmt.

Zweieinviertel Stunden geht es zurück nach Rhens. Die 135 Minuten sind pure Entspannung. Sonne und Wind auf dem Oberdeck, noch einmal alle Schlösser und Burgen im Überblick, in Rhens wollen wir gar nicht runter vom Schiff. Aber das Auto steht nun einmal hier. Also. Schnell sind die Räder verladen, auf der Rückfahrt gibt es reichlich Gesprächsstoff. Fazit: Wir waren nicht das letzte Mal am „romantischen Rhein“.

Dieser Artikel erschien im Extra-Tipp am 2. August 2015.


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