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Herzklopfen
mit Helga

Linkskurve – und einen Coin als Reserve für die nächste Fahrt. Foto: Uli Rentzsch

Vor allem ist es bunt. Und natürlich auch aufregend. Am Wochenende rutscht die Kirmes in Lobberich in den Mittelpunkt des Interesses – vor allem natürlich für jüngere und ältere Kinder und für Eltern und Großeltern, die sich gern an ihre eigene Kirmesvergangenheit erinnern.

 

Lobberich. Es muss so um 1969 gewesen sein. Kirmes. Rummel. Oder auch Kerb. Jedenfalls weckte der Auto-Scooter alle Aufmerksamkeit. Da konntest du mal richtig auf die Tube drücken und dem blöden Nachbarjungen voll Karacho hinten drauffahren, ohne das gleich Blechschaden entstand. Oder noch besser: Breitseite. Die Schadenfreude wehrte natürlich nur Sekunden. Du selbst warst ja auch ein blöder Nachbarjunge. Rumms! Durchschütteln, weiter geht’s!

Die holde Damenwelt, damals zarte elf oder zwölf Jahre jung, sandte ihre Duftstoffe mit viel Raffinesse in diese junge Welt und auch über die Kirmes. Und du hattest noch das Zweimarkstück in der Hosentasche. Deine Mutter hatte es dir in die Hand gedrückt: „Kirmesgeld.“ Zwei Mark, das hieß umgerechnet genau vier Fahrten mit dem Auto-Scooter. Die Auserkorene hieß Helga. Bevor du sie ansprechen konntest, musstest du über diesen acht Meter hohen Wo-werde-ich-wohl-versinken-wenn-sie-nein-sagt-Zaun klettern. Dann endlich: Hast du Lust ... mit ... äh ... dem Auto-Scooter?“ Hatte sie, und dein Herz wurde mit einem einzigen Wusch durch den Kopf und wieder zurück gespült. Vier Fahrten, das waren umgerechnet ungefähr sechs Minuten inklusive Warten auf die nächste Runde. Sechs Minuten Herzklopfen mit Helga, die du natürlich – großzügig wie du warst – ans Streuer gelassen hast. Dann stieg Helga aus. Und zog mit Frank weiter. Ausgerechnet Frank. Dem warst du gar in die Seite gefahren. Der war doch so unscheinbar

Jahre später, du hast 1974 in deinen Kalender notiert, ist dir aufgefallen, wie wichtig Musik für die Stimmung ist. Als sich die Super-Rakete erstens auf und ab und zweitens im Kreis mit einer Affengeschwindigkeit auf dem Brockerhof drehte, hat dir sogar „Sugar Baby Love“ von den Rubettes gefallen. Dann bist du zum Imbiss geschlendert, und deine lange Bratfisch-Muss-Karriere fand ihren Anfang. Dein Blick wanderte über den Auto-Scooter, und du dachtest an die sechs Minuten mit Helga zurück. Was für eine Lehre fürs Leben.


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