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Wie alles begann

Eine kleine Auswahl. Foto: Uli Rentzsch

Ich gestehe: Bei mir begann alles mit Dieter Thomas Hecks Hitparade. Ich war 13. Obwohl: Als ich sieben war, hatte ich im Radio meiner Cousine schon einmal „We Can Work It Out“ von den Beatles gehört. Aber damals hatte mich das nicht großartig interessiert.

 

Meine Gedanken kreisten viel eher um lederne Kugeln mit schwarz-weißem Muster. Meine Cousine, die Bille, hatte jeden freien Platz an den Wänden beklebt: John und Paul natürlich, die Stones und all die anderen - und auch ein Foto, das aufgenommen wurde, als sie zusammen mit den Lords über einen Zebrastreifen ging. In der Bravo war das Foto erschienen. Ja, so war das.

Als France Gall in der Hitparade hüpfend vom Kili-mandscharo sang, bekam ich doch weiche Knie. Aber ein gewisser Martin Mann mit seinem Hit „Cecilia“ hatte mich völlig begeistert. „Darf ich mir die Platte kaufen?“, fragte ich. Zwei Tage später sah ich mich und meine Mutter in einem Plattengeschäft stehen. „Haben Sie die Platte mit Cecilia von Martin Mann?“ Nein, hätte sie nicht, antwortete die Verkäuferin und lächelte: „Aber wir haben das Original von Simon & Garfunkel.“ Original?

Ein Moment, der das Leben veränderte. Ein Moment, der eine Tür nach der anderen aufschlug. Ein Moment, der andere Momente nach sich zog.

Ich trug die Single stolz nach Hause, ließ sie immer und immer wieder auf dem Plattenspieler laufen. Und dann gab es da ja noch die Langspielplatte „Bridge Over Troubled Water“. Mannomann. Und natürlich hatte ich mich längst wieder an die Beatles erinnert. „Get Back“ gehörte bald zu meinem Repertoire. In diesen Tagen noch ein ganz kleines Repertoire, und ich ahnte nicht, welchen Umfang es noch annehmen sollte.
Zwei weitere Jahre vergingen, wir waren inzwischen an den Niederrhein gezogen. Ich hatte die Labels auf meinen Langspielplatten auswendig gelernt. Titel sowieso, Komponist, Laufzeiten auf die Sekunde genau (natürlich nachgeprüft und die Zeit neu gestoppt), Plattenfirma, Verwertungsbehörde – also alles, was verzeichnet war. Auf der LP „Wednesday Morning 3 A.M.“ von Simon & Garfunkel hatte mir gleich ein Titel besonders gefallen: „The Times They Are A-Changin’“. Komponist: Bob Dylan, 2:51 Minuten.

How long can you falsely and deny what is real ?
How long can you hate yourself for the weakness you conceal?

When He Returns, Bob Dylan, 1979

Hätten Sie geahnt, dass es Jahrzehnte später einmal einen Literaturpreisträger mit dem gleichen Namen geben sollte? Nein, wenn Sie damals, also Anfang der 70er Jahre, schon in die Welt der Rock- und Popmusik eingetaucht waren, dann haben Sie sich möglicherweise die Ohren zugehalten. Bob Dylan. Gleich nach den Hausaufgaben legte ich oft das Original auf. Natürlich jetzt die Originalversion von Times. Einmal kam Mutter ins Zimmer gestürmt und rief: „Kannst du nicht mal diesen Krach ausmachen?“ Bob Dylan. Eine Stimme, eine Gitarre. Krach? Die Zeiten haben sich wahrlich gewandelt.
Apropos Krach. Keiner konnte ahnen, welche Türen immer noch aufgestoßen werden sollten. Creedence? Na ja, geht so, weil Thomas damals mein Freund war, und der mochte halt CCR. Aber da gab es ja noch die Stones, Status Quo, Eric Clapton, John Mayall, Johnny Cash, die Kinks, die Who und ganz oben in der Rangliste Led Zeppelin. Wow! Mann! Gute Güte!

Auf der Kirmes hörte ich die Rubettes, David Cassidy und all die anderen. Popsongs. Sailor, Pussycat, Abba Boney M., Barry White, Hot Chocolate, Christie, Baccara, Smokie, Gumbay Dance Band, Santana, Carl Douglas, Bonnie Tyler, Bay City Rollers, Showaddywaddy. Popsongs, die heute weiterhin ihren Zweck erfüllen, besonders, wenn man 1972 15 Jahre alt war.

Vor rund 30 Jahren war es noch verpönt, WDR4 zu hören. Heute kann man nicht dankbar genug sein, dass es diesen Sender gibt – ein Radioprogramm, das mehr mit der Zeit nicht gehen kann. Heute höre ich die Songs von damals. Weißt du noch? „She’s A Lady“ von Barry Manilow. Quatsch, das ist von Tom Jones. Tom Jones? Sicher.

„Can you tell me where my country lies?“
Said the unifaun to his true love’s eyes
„It lies with me!“ cried the Queen of Maybe
For her merchandise, he traded in his prize
.
„Dancing With the Moonlit Knight, Genesis, 1973

Das Schöne ist: Diese Welt wurde immer größer. Klassenkameraden hörten Genesis, Pink Floyd und Yes. Andere verteidigten Amon Düül und wieder andere Hannes Wader und Franz-Josef Degenhardt.

Noch schöner ist: Einige von uns fühlten sich inspiriert. Sie griffen zur Gitarre, setzten sich hinters Schlagzeug, schrieben Texte und trauten sich, alles vor Publikum zum Vortrag zu bringen. Wen das Feuer gepackt hatte, der blieb bis heute dabei.

Wie alles begann ... das ist natürlich eine Reise in die Vergangenheit, das sind Erinnerungen an frühe Jahre, so fundiert und so gefestigt, dass wir sie niemals loslassen können. Es sind Erinnerungen, weil andere Erinnerungen an ihnen hängen. „Smoke On the Water“ hatten wir für unsere Partys umgedichtet: Qualm überm Hariksee, Feuer über Schaag. Gequiescht haben wir vor Lachen. Aber dieses Riff geht uns bis heute nicht mehr aus dem Kopf. Ohrwürmer auf Lebenszeit

Gerade hat Helene Fischer ein neues Album veröffentlicht. Man kann sicher sein, dass sich in rund 40, 50 Jahren noch viele genau an diese Songs erinnern werden.
Ob sie eine Platte aus dem Regal ziehen können? Eher nicht. Eher werden sie mit den Fingern auf irgendwelchen Oberflächen, vielleicht sogar im freien Raum, wischen und noch mal wischen, weil die Daten in Ordnern platziert und letztlich auf den Festplatten nur darauf warten, abgespielt zu werden. Im Kopf bleiben es unlöschbare Erinnerungen.
Gestern habe ich noch geblättert in meinem Regal: Joni Mitchell, Neil Young, Emmylou Harris, Ray Conniff, Reinhard Mey, Kraftwerk, Troggs und Tremeloes, Woody Guthrie und Pete Seeger, Albert Hammond, ELO und Alan Parson Project.

Fast hätte ich vergessen zu fragen: Hätten Sie nicht Lust aufzuschreiben, wie alles begann. Bei Ihnen. Sicher war es ganz anders als bei mir. Aber in der Sache sind wir uns hoffentlich einig.

Also, falls Sie ein wenig Zeit finden, meine E-Mail-Adresse lautet:
u.rentzsch@report-anzeigenblatt.de


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