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Die Kraft im Zeigefinger

Julian Seeger vor seinem Graffito im Lobbericher Jugendheim Arche. Foto: Uli Rentzsch

Julian Seeger ist 17 Jahre jung und will im kommenden Jahr sein Abitur machen. Kunst steht nicht auf seinem Stundenplan. Und doch hat sich der talentierte Lobbericher mit seiner Graffitikunst einen ganz persönlichen Freiraum geschaffen.

 

Nettetal. Schon seit seinem zehnten Lebensjahr haben ihn Farben fasziniert, im Besonderen die Kunst, die aus der Sprühdose kommt. Julians erstes Erlebnis „prickelte“ allerdings nicht. Ein Experiment endete beim Arzt, als er eine Fläche, die sein Großvater zur Verfügung gestellte hatte, beschrieb und dabei Farbe ins Auge bekam. „Mir fehlte ganz einfach die Kraft im Zeigefinger“, erklärt Julian, der sich allerdings nicht entmutigen ließ.

Vor rund fünf Monaten dann der endgültige Durchbruch eines Talents, dass schon jahrelang schlummerte: Graffiti, dieser kunstvolle Ausdruck von Buchstaben, Fantasiewörtern, gepaart mit Charakteren oder Comics, ausdrucksstark dargestellt an grauen Wänden. Immer den Bleistift zur Hand, skizzierte er auf Papier, was später riesengroß zu einem Werk auf Folien oder Mauerstein werden sollte. Ein Prozess von Probieren, Verwerfen und Entwickeln. Dann der Weg zur Wand: Auch hier exakte Vorbereitungen, Linien ziehen, Orientierung schaffen, Ausdauer, eine ruhige Hand, immer das Ganze im Blick und genügend Kraft im Zeigefinger.

Graffiti auf großen Folien zum Thema Weihnachten oder Karneval, sogenannte Writings auf legal freigegeben Flächen in Viersen oder im Jugendheim Arche in Lobberich, Bücher, Youtube und vor allem seine Freunde Mike aus Hinsbeck oder Nico aus Mönchengladbach öffneten dem jungen Julian die Türen zu einer Welt, die für ihn zum Lebensinhalt wurde – allerdings anders, als sich die meisten unter uns das vorstellen können: Julian ist farbenblind. Doch der Graffitikünstler orientiert an Farbennamen oder den entsprechenden Farbnummern.

 „Es ist etwas komplizierter für mich, aber in meiner Welt sind die Farben knallbunt.“
Julian Seeger

Ganz wichtig ist dem Lobbericher, dass seine Kunst legal bleibt. Kontakt hatte er schon mit der Stadt Nettetal aufgenommen mit der Bitte, Flächen zur Verfügung zu stellen. „Es gibt so viele graue Betonwände in unserer Stadt“, sagt er. Es könne nicht schaden, wenn unsere Welt etwas bunter wäre.

Info:
Das Garagentor ist viel zu trist und zu grau? Julian Seeger, Telefon 02153/ 2143, nimmt auch gerne Auftragsarbeiten an.

Der Artikel erschien im StadtSpiegel am 22. April 2015.


Kommentare

  • „Hallo, mein Sohn (12) hätte gerne ein Wand in seinem Zimmer im graffiti style bemalt. Wir wohnen in Herne. Könntest du das machen und was würde es kosten? Vorausgesetzt, es ist in einer Wohnung überhaupt möglich. Ich habe keine Ahnung davon. Über eine schnelle Antwort würde ich mich freuen.
    Viele Grüße Jenni