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Der Werkzeugkasten fürs Leben

Dr. Helga Wolter vom Psychologischen Institut Nettetal möchte den psychosomatischen Stress-Symptomen schon bei Kindern im Grundschulalter entgegenwirken. Foto: Uli Rentzsch

Schon im Grundschulalter zeigen Kinder psychosomatische Stress-Symptome: beispielsweise Kopf- und Bauchschmerz oder nachlassende Konzentration. Der StadtSpiegel sprach mit Expertin Dr. Helga Wolter vom Psychologischen Institut Nettetal (PIN).

 

Nettetal. Ben (8) wirkt abwesend, dann und wann klagt er über Schlafprobleme. Am Nachmittag verbringt er viel Zeit mit seinem Tablet, ist aber in der Schule und bei den Hausaufgaben nicht gut. Seine Eltern muntern ihn zwar immer wieder auf, doch die Leistungen in der Schule wollen einfach nicht besser werden. Bens Stundenplan ist proppevoll: Schule und Fußballtraining, Nachhilfe und Gitarrenunterricht.

Dr. Helga Wolter, Leiterin des Psychologischen Instituts Nettetal, kennt solche Szenarien nur zu gut. Sie berichtet von medialer Überlastung: Viel Zeit mit Handy, Tablet, Laptop und Fernsehen, zu wenig Ruhe, Entspannung und Bewegung. „Wir beobachten, dass schon Grundschulkinder immer gereizter und aggressiver reagieren und emotional unzufrieden sind,“ erklärt die in pädagogischer Psychologie promovierte Fachfrau.

Eltern haben es schwer in solchen Situationen. Einersetzt müssen sie Grenzen setzen, andererseits wollen sie ihr Kind nicht zum Außenseiter in seiner Gruppe werden lassen. „Alle haben ein Computer, nur ich nicht“ – das haben sich schon viele Eltern angehört, wollen aber im günstigsten Fall ihr Kind nicht dem Internet und Fernsehen überlassen. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer (Universitätsklinik Ulm) nennt das „Digitale Demenz“ und zeichnet in seinem gleichnamigen Buch ein beängstigendes Szenario. Hinzu käme, so Dr. Wolter, dass bei immer mehr Kindern ernsthafte Essstörungen diagnostiziert werden.

Als hilfreiche Maßnahmen empfiehlt Dr. Wolter neben der Beratung von Eltern und psychologischer Diagnostik Einzeltherapien und Gruppenangebote zum Training von Stressbewältigung, Entspannung, Konzentration, Gedächtnis und sozialer Kompetenz. Seminare gibt es nicht nur für überforderte, sondern auch für unterforderte Kinder und Jugendliche, die Freude bei anspruchsvollen Themen erleben. „Kinder und Jugendliche sollten die Fähigkeit erlernen, „nein“ sagen zu können und sich von ungesunden Trends und Erwartungshaltungen abgrenzen zu können“, sagt Dr. Wolter.

„Kinder werden gereizter und aggressiver.“ Dr. Helga Wolter, PIN

Schule sollte eine Schule fürs Leben sein – und deshalb schon früh vermitteln, wie Kinder mit Stress umgehen und wie sie entsprechende Entspannungsphasen einsetzen können. „Gerade die Schule könnte präventiv einiges bewirken“, sagt Dr. Wolter. Positiv bewertet sie die Zusammenarbeit mit der Hauptschule in Kaldenkichen. Dort zeige die APKI (Akutpsychologische Krisenintervention) sichtbare Erfolge.

Nötig sei ein umfassendes Angebot, um den psychosomatischen Stress-Symptomen entgegenzuwirken. Dazu gehöre auch ein bewusstes Ernährungsverhalten. „Wir brauchen einen Werkzeugkasten, der hilft, möglichst gesund durch die Welt zu gehen.“

Dieser Artikel erschien im StadtSpiegel am 12. August 2015.


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