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| | Nettetal

Trost an einem Rand des Lebens

Trauerredner Willi Wienen in seinem Garten. Hier findet er Ruhe. Zwischenräume – wie er es nennt – zwischen Trauerfall und Hochzeit. Foto: Uli Rentzsch

Dunkler Anzug, eine tiefe, kräftige Stimme: Trauerredner Willi Wienen aus Kaldenkirchen ist gut vorbereitet, als er die Trauergemeinde begleitet. Er solle es nicht so traurig machen, hatte ihm die Witwe noch im Vorgespräch gesagt. Und dennoch will die Trauer verarbeitet werden, obwohl es kein Rezept dafür gibt.

 

Nettetal. Die Rasenfläche ist groß. Mähen braucht Zeit. Für Willi Wienen wichtige Zeit, denn hier kann er abschalten. Hier kann er Zwischenräume schaffen, wenn er gerade einen lieben Menschen auf seinem letzten Weg begleitet hat und nun Schwung in eine Geburtstagsfeier bringen soll. Willi Wienen ist freier Redner, er spricht genauso auf Hochzeiten wie auch auf Trauerfeiern. Nach seinem Theologiestudium war er als katholischer Pfarrer tätig, hatte dann die Kanzel aus zölibatären Gründen verlassen. Bankkaufmann und eine leitende Position in der freien Wirtschaft waren weiteren Stufen auf Wienens Lebensweg. Bis 2007. Da entschied der heute 55-Jährige, der sich auch im Sprachunterricht für Flüchtlinge engagiert, sich selbstständig zu machen.

Seinen eigenen Glauben sieht Willi Wienen in der katholischen Tradition begründet. Auf dem letzten Weg hat er allerdings Menschen unterschiedlichster Religion begleitet. „Darunter waren auch Muslime, die eine Trauerfeier ohne Zeremonie bevorzugt hatten“, sagt er. Eine Definition des so genannten „Nein-Glaubens“, den man landläufig in Verbindung mit dem Atheismus bringt, fällt ihm schwer. „An ein Nichts kann man nicht glauben, man glaubt immer an etwas.“ Auch an ein Leben nach dem Tod? „Ja, nach meiner eigenen Tradition glaube ich, dass der Tod noch nicht das Ende bedeutet“, erklärt der Diplom-Theologe, „aber es ist wichtig, auch andere Interpretationen zuzulassen.“ Jeder Mensch deute Trauer und Leid auf unterschiedlich Art und Weise. Das Weltbild des Menschen am Niederrhein, das Willi Wienen im Laufe der Zeit kennen lernen durfte, ist traditionell und gleichzeitig liberal geprägt. Man wolle sich nicht von Institutionen einfangen lassen, sondern der Individualität Raum geben

Das spiegelt sich auch im Trauerfall wider. Im Gespräch mit den Hinterbliebenen, mit den Eheleuten, mit Verwandten und Freunden versucht Wienen den Lebensweg des Verstorbenen nachzuzeichnen. Wie hat der Verstorbene gewirkt, welche Lebenshöhepunkte sollten erwähnt werden? Auch der Ablauf der Trauerfeier wird besprochen. Wird ein Gebet (das Willi Wienen übrigens auch gern selbst verfasst) gewünscht? Wer kommt zur Trauerfeier? Das ist wichtig, meint Wienen, „nachher begrüße ich jemanden, der überhaupt nicht anwesend ist“.

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten
im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Willi Wienen zitiert Rainer Maria Rilkes„Schlussstück“

Auch über Musik wird gesprochen. Willi Wienen überrascht mit der Aussage, dass überwiegend die Moderne gewünscht wird, die Klassik dagegen in den Hintergrund tritt. „Niemals geht man so ganz“ von Trude Herr, „Time to Say Goodbye“ von Andrea Bocelli – das sind die neuen Klassiker. Aber auch die Fanfare von Borussia Mönchengladbach oder das Metall von AC/CD werden gewünsch

Was mag die Motivation von Willi Wienen sein, auf Trauerfeiern zu sprechen? „Ich möchte Menschen an einem der Ränder des Lebens begleiten, ich möchte sie auf dem letzten Weg begleiten dürfen“, sagt er. Dann trägt er einen dunklen Anzug, bekundet der Trauergemeinde sein tief empfundenes Beileid, und spricht Worte des Trostes mit klarer und deutlicher Stimme. „Ich möchte die Menschen nicht allein lassen“, sagt er. Willi Wienen fühlt mit. Und wenn gleich noch eine Geburtstagsfeier im Terminkalender steht, geht er vorher in seinen Garten. Und sucht Zwischenräume.

Kontakt über www.trauerfeier-wienen.de

Der Artikel erschien im StadtSpiegel-Sonderheft "Vorsorge" am 25. Mai 2016.


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