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Der mit der Stille spricht

Das Herz schlägt ein wenig schneller: Die Brückenüberquerung ist eine Fahrt ins Ungewisse. Foto Helmut Heesen

Weltenbummler? Das trifft nicht ganz den Punkt. Helmut Heesen ist eher ein rastloser Lobbericher, der die Beständigkeit liebt und die Stille genießen kann. Seit 35 Jahren zieht es ihn um die Welt. Die Fotoausrüstung hat er immer im Gepäck.

 

Lobberich. Kaum in Pakistan angekommen, wird Helmut Heesen (68) Zeuge einer Hochzeit. „Ein Fest ganz ohne Alkohol“, erzählt er seinen Zuschauern, die sich in Willis „Ratsstube“ am Alten Markt in Lobberich zum Diavortrag eingefunden haben.

Helmut Heesen bei Willi in der Ratsstube. Hier präsentierte er seinen Diavortrag über die Reise nach Pakistan. Foto: Uli Rentzsch

Und es dauert nur wenige Minuten, da sind wir alle mitten in Pakistan. Wir können nichts verpassen: Drei

Bildschirme lassen uns miterleben, was Helmut Heesen 1992 auf seiner Reise zum Hindukusch erlebt hat. Damals war er im Jeep unterwegs. Mit pakistanischem Reiseführer, Jeepfahrer und Mitreisenden – in einem von fünf Teams.

Helmut Heesen macht es spannend. Er erzählt in der Gegenwart, er fotografiert im Stile der Straßenfotografie, „unbewusst“, wie er sagt. Die Geschichte, die er uns mitgebracht hat, ist so plötzlich, so spontan, immer präsent, so authentisch, dass wir auch auf den Straßen von Islamabad stehen, in ausgedienten Pferde‧ställen der britischen Kolonialmacht übernachten und die raketen-ähnlichen Türme der Faisal-Moschee bestaunen. Hier huscht ein bunt bemalter Bus vorbei, da duftet frisch gebackenes Brot, wir überqueren übervolle Straßen und schauen auf dunkelrote Balkone aus vergangener Zeit.

Schön aufgereiht: Vier Verkehrsmittel. Erst als Helmut Heesen zu Hause seine Fotos durchsah, erkannte er, was er fotografiert hatte - Straßenfotografie vom Feinsten. Foto: Helmut Heesen

Plötzlich steht nicht nur Helmut Heesen der Schweiß auf der Stirn.

Bald zieht es uns hoch zum Hindukusch. Wir sehen in tiefe Schluchten, auf wilde Flüsse. Als uns auf den schmalen Pisten der Lastwagen mit den Baumstämmen entgegenkommt, steht nicht nur Helmut Heesen der Schweiß auf der Stirn. Dann wieder unendliche Einsamkeit. Wir können mit der Stille reden.

Eines unserer nächsten Ziele ist die Märchenwiese im Schatten des Nanga Parbat. „Auf dem Weg dorthin ist die Lenkstange vom Jeep gebrochen, Gott sei Dank wurde das Fahrzeug nach rechts an den Berg gelenkt und nicht nach links in den Abgrund“, erzählt Helmut Heesen, „es wurde die aufregendste Fahrt meines Lebens.“
Doch der Berg bleibt zunächst zickig hinter den Wolken, bis er sich endlich majestätisch zeigt: Da ist er, der Nanga Parbat, welch eine Pracht. Zurück geht es über fingerbreite Brücken über unendlich tiefe Täler. „Der Himmel dort ist doch ein wenig weiter als am Niederrhein“, meint Helmut Heesen. Er lächelt dabei.

Wir streifen die chinesische Grenze in 4.700 Meter über Null, wir sehen ein buddhistisches Kloster aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, wir sind auf den Spuren von Alexander dem Großen und Marco Polo. Wir sind drei Wochen unterwegs, legen 2.500 Kilometer zurück.

Dann sind wir wieder in Lobberich, applaudieren und wünschen uns sofort den nächsten Diavortrag. Helmut Heesen war doch auch in Argentinien, im Jemen, in Kanada, Mexiko, und in China, oder? „Ich sag’ Euch Bescheid“, meint er.

Und so ganz nebenbei, beinahe unbemerkt, hat Helmut Heesen etwas für die Verständigung der Völker dieser Welt getan – eine Wohltat, gerade in der heutigen Zeit. Nicht in dem ganz großen Sinne, eher im Kleinen, da wo es nötig ist. Helmut Heesen weist derweil auf den aktuellen Bezug hin und schüttelt traurig den Kopf, als er an die Erdbeben in der fernen Region denkt

Warum musst Du reisen, Helmut? „Ich weiß es wirklich nicht“, sagt er, und es klingt ehrlich. Warum nicht mal Mallorca? Die Antwort kommt ruckartig wie ein Geschoss und lässt dich schnell einen Meter zurücktreten: „Nee.“

Wenn er die Bilder seiner Reise sehe, dann tue ihm das gut, sagt er. Es habe eine beruhigende Wirkung. „Ja, ich empfinde Demut, dass ich hier in Lobberich geboren bin.“

Der Text erschien im Extra-Tipp vom 8. November 2015.


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