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Jeden Abend besenrein

Irgendwann muss das ganze Zeug ja irgendwo hin. Foto: Jürgen Nießen/ Rainer Sturm (Halle)/ pixelio.de

Die Bürgerinitiative „VeNeTe – So nicht!“ möchte das Wertstoff- und Logistikzentrum (WLZ) in Kaldenkirchen verhindern. Der Extra-Tipp sprach mit FDP-Lokalpolitiker Hans-Willy Troost. Er hält das WLZ für ein zukunftsorientiertes Projekt, dass allen Bürgern zu Gute kommt.

Das Interview erschien im Extra-Tipp Viersen am 28. Januar 2018.

 

Kreis Viersen/ Nettetal. Wie geht’s, Herr Troost? Es geht, sagt er. Die Kritik an seiner politischen Arbeit, an seiner Standfestigkeit, für ein von allen Seiten bereits beschlossenes Projekt auch gegen Widerstand einzustehen, habe längst die sachliche Ebene verlassen. Genau diese Sachlichkeit trete in den Hintergrund. Es gebe einen großen Unterschied zwischen Petition und Sternmarsch und Gewalt gegen Gegenstände und Personen. Das geht dem Nettetaler FDP-Politiker nahe. Hans-Willy-Troost ist Fraktionsvorsitzender der Liberalen im Nettetaler Stadtrat, ist Mitglied des Kreistages und – das macht die ganze Chose nicht leichter – stellvertretender Vorsitzender des Betriebsausschuss des Kreises Viersen.
Übrigens: Vorsitzender des Betriebsausschusses ist Günter Werner (CDU/ Nettetal). Weitere Mitglieder des Ausschusses aus Nettetal sind Ralf Hussag und Hans Kettler (beide SPD). Damit kommen vier der elf Mitglieder des Betriebsausschuss aus Nettetal. Dieser Betriebsausschuss votierte einstimmig für den Bau des WLZ – genau wie übrigens der Kreistag.

Herr Troost, in der Sitzungsvorlage zum Nettetaler Rat vom 19. Dezember des vergangenen Jahres hebt die Stadtverwaltung in der Begründung zur Vorlage heraus, dass sie keinen Grund sieht, an den vom ABV dargestellten Fakten zu zweifeln. Zudem vertraue die Stadt auf den Sachverstand von Betriebsausschuss und Betriebsleitung. Steht das nicht im Widerspruch zur geforderten Neubewertung?
Hans-Willy Troost: Das widerspricht vollkommen dem Beschlussvorschlag, unverzüglich Gespräche aufzunehmen und letztlich das WLZ zu verhindern. Bürgermeister Christian Wagner fährt damit einen Schlingerkurs. Man glaubt jetzt, dass die Vermarktung des Gewerbegebiets VeNeTe gefährdet ist.

Folgt Bürgermeister Wagner jetzt nicht einer großen Zahl von möglichen Wählern, die sich gegen das WLZ wehren?

Das ist richtig.

Ist denn die VeNeTe-Vermarktung gefährdet?

Dr. Thomas Jablonsky, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Kreises Viersen (WFG), widerspricht dem vehement. Er hat mir schriftlich bestätigt, dass es in den vergangenen Monaten sogar zu einer erhöhten Nachfrage gekommen sei.

Ähnlich hat sich auch der Landrat Dr. Andreas Coenen in der Antwort auf den Fragenkatalog der Bürgerinitiative „VeNeTe - So nicht“!“ geäußert. Ein größerer Teil der Fläche sei reserviert. In naher Zukunft soll es sogar zu einem Verkauf kommen. Was weiß der Landrat, was der Nettetaler Bürgermeister nicht weiß?
Das weiß Herr Wagner, nur, er sagt es nicht öffentlich. Es würde nicht in seine Argumentation passen. Sicherlich muss man immer warten, bis die Tinte auf dem Vertragspapier trocken ist. Aber: Es ist nicht auszuschließen, dass es in Kürze zu einem Kaufvertrag kommen wird. Trotz WLZ. Selbstverständlich weiß das der Bürgermeister. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.

VeNeTe bleibt letztendlich ein Industriegebiet ...
In einem weiteren Projekt in VeNeTe wird von 600 Lkw-Einheiten täglich gesprochen. Man überlegt, ob ein zusätzlicher Kreisverkehr nötig sein wird und ob die vorhandenen Straßen diesen Verkehr aufnehmen können. Aber das sind Vorplanungen, da muss man sicherlich noch abwarten.

Hans-Willy Troost, stellvertretender Vorsitzender des Betriebsausschusses des Kreises Viersen. Foto: Uli Rentzsch

Wie ist der Stand der Dinge?
Die Diskussion über Staub, Gerüche, Schall und Verkehr sind in letzter Zeit doch in den Hintergrund geraten. Hier sind Fakten geliefert worden, die diesen Befürchtungen entgegenstehen. Andererseits wird aber –zugegebenermaßen gut recherchiert – über Ratten referiert. Die Frage ist: Hat jemand in Süchteln angerufen? Hier hat es meines Wissens in über 40 Jahren keine Rattenplage gegeben. Jetzt erhalten wir in Kaldenkirchen eine top-moderne Anlage, die abends geschlossen wird. Besenrein, wenn der letzte Lkw die Anlage verlässt. Die Ängste einer Rattenplage sollte man nicht schüren. Hier wird in zwei Betonhallen das umgeladen, was wenige Stunden vorher noch in der Restmülltonne vor dem Haus gestanden hat. In Nettetaler Haushalten muss mindestens 13-mal im Jahr Restmüll abgeholt werden. Der Restmüll steht also mindestens zwei bis drei Wochen vor der Haustür. Von einer Rattenplage habe ich noch nichts gehört. Im WLZ wird der Müll jeden Tag sofort umgeladen. Abends ist die Halle in aller Regel leer – und wie gesagt: besenrein.

Und die Deponie in Süchteln hat schon ein paar Tage auf dem Buckel.
Ja. Dort wird beispielsweise Biomüll offen in einer offenen Rotte zu Kompost verwertet. Und das stinkt.

Tragen nicht alle Bürger im Kreis Viersen dann eine Mitverantwortung, dass nach der Jahrzehnte langen Belastung der Dülkener und Süchtelner Bürger nun auch die Last auf andere Schultern, und dann noch in hoch-moderner Form, verteilt wird?
Ja, die Frage muss man stellen. Wo bleibt die Solidarität mit diesen Einwohnern?

Kommt es letztlich durch das WLZ zu einer höheren finanziellen Gebührenbelastung für die Bürger?
Nein. Dadurch, dass Leistungen wie beispielsweise Transport oder Umladen vom Kreis ausgeschrieben werden können, entsteht Wettbewerb. Aktuell gilt für die EGN das Ziel, auf einer abgeschriebenen Ur-Altanlage einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Beispiel: Die Landesregierung hat vor einigen Jahren erlaubt, nicht nur die nächst gelegene Verbrennungsanlage zu nutzen. Wir, der Kreis, haben 2013/14 diese Leistung ausgeschrieben. Jetzt haben wir jedes Jahr über sechs Millionen Euro weniger zu zahlen. Jedes Jahr. Weil wir den Müll nicht mehr nach Krefeld fahren, sondern nach Solingen und Köln.
Wettbewerb muss sein. Der Kreis Viersen als Kommune darf keinen Gewinn erwirtschaften. Nur Kosten werden als Gebühren weitergegeben. Es gibt keinen Euro Gewinn. Deshalb will der Kreis das WLZ bauen, die Leistungen aber ausschreiben. Da kann sich jede Firma bewerben, auch die EGN.

Warum haben sich die politischen Parteien in Nettetal mehrheitlich in ihrer Bewertung des WLZ gedreht? Erst waren sie für das WLZ, jetzt wollen sie eine Neuwertung?
Bürgermeister Wagner hat noch in seiner Neujahrsansprache betont, dass jetzt der Standort Süchteln zu favorisieren ist. Dabei war man sich Jahre parteiübergreifend einig und stellt diese Zustimmung nun grundsätzlich in Frage. Die Verantwortlichkeit für bereits getroffenen Entscheidungen wird jetzt abgewiesen. Man ist gescheitert, erklären zu können, was man selbst entschieden hat. Man sagt, man habe zwar zugestimmt, aber eigentlich nur zugeguckt. Also wird alles in Richtung Kreis zurückgeschoben. So steht man nicht mehr in der Kritik. Aber die Neubewertung ist bloß eine strategische Entscheidung, die sachliche Inhalte nicht widerspiegelt.


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